Der Heimatverein Westerbur bedankt sich für
diesen schönen Historien-
bericht über Westerbur bei Herrn Ostud. Dir. i. R. Karl-Heinz
Wiechers.
Als Herr Bents mich vor
einigen Tagen fragte, ob ich heute bei der Gedenksteinenthüllung
bereit wäre, etwas zur Historie Westerburs
zu sagen, habe ich gern zugestimmt, kenne ich doch viele
Westerburer seit meiner frühesten Jugend, seit einer lange zurückliegenden
Zeit, an die ich mich gern erinnere.
Und da sind wir auch schon beim Thema. Die meisten Menschen leben
nur in der Gegenwart. Aber was ist Gegenwart? Sie ist der
Schnittpunkt zwischen gestern und morgen, zwischen der
Vergangenheit und der Zukunft. Genau genommen, ist sie gar
nichts, denn die Sekunde, in der ich etwas tue, ist in der nächsten
Sekunde schon Vergangenheit.
Von der Gegenwart bleibt so nicht viel. Die Zukunft ist für uns
verhüllt. Aber die Vergangenheit ist wie ein breiter Strom, der
viele Schätze für uns und unser heutiges und unser heutiges
Leben birgt. Wenn wir allerdings auch darüber nichts wissen,
wissen wir eigentlich gar nichts.
Die Amerikaner haben das immer gespürt, was es heißt, ohne
Geschichte zu leben. Eben deshalb kommen sie gern über den Teich
nach Europa und suchen nach ihren Ursprüngen, ihren Ahnen, ihren
Roots, ihren Wurzeln. Ein Mensch ohne Geschichte ist wie eine
Pflanze ohne Wurzeln.
Blicken wir einmal zurück in die Geschichte Westerburs! Wenn man
einer solchen Aufgabe nachgeht, sucht man nach alten Urkunden
oder faßt das älteste Gebäude ins Auge, und das ist die Kirche.
Die jetzige stammt von 1753. Danach kämen wir auf ein Alter von
250 Jahren. Aber wir wissen, daß diese Kirche eine aus dem
Mittelalter ersetzte, ohne daß wir allerdings die Jahreszahl
kennen.
Im Inneren der Kirche finden wir jedoch einen Taufstein aus
Bentheimer Sandstein und der stammt nachweislich aus der Mitte
des 13. Jahrhunderts (1250). Wenn das die Richtschnur wäre, kämen
wir auf ein Alter von 750 Jahren.
Nun sagen die Historiker, das Kirchenspiel Westerbur werde
urkundlich zuerst 1530 erwähnt. So; 470 Jahre = sicher. Möglicherweise,
so sagen diese Historiker, sei Osterbur älter als Westerbur.
Osterbur ist ja auf der Fabriciuskarte von 1592 im Watt
verzeichnet, war also schon damals versunken. Balthasar Arend
schreibt1684 darüber: Hinter dem jetzigen Seedeich ins Watt
gegen Mittelbuhr ins Norden ist vormalen eine Kirche gestanden,
Osterbuhr genannt, welche durch Gewalt des Wassers ist
hinweggerissen worden, davon bei niedrigen Gewässern im Watt die
großen Flinten und Grundsteine annoch können gesehen werden. (Steine
beim Kriegerdenkmal in Westeraccumersiel).
Der Taufstein, so sagt Almuth Salomon (Geschichte des
Harlingerlandes), könnte aus der Kirche von Osterbur stammen und
nach Westerbur gekommen sein. Eigenartig ist, daß die Häuptlinge
von Südenburg in Westeraccum begraben liegen. Almuth Salomon hält
es für möglich, daß die versunkene Osterburer Kirche zuerst
die Begräbniskirche war, nach ihrer Zerstörung dann die
Westeraccumer. Alles Vermutungen! Gibt es keine anderen
Anhaltspunkte, die weiterhelfen könnten? Ein Kirchrechnungsbuch
blieb erhalten (Schnettler), nach dem 1753 altes Kirchenholz von
der Vergängerkirche verkauft wurde, außerdem Tuffsteine für
250 Gulden (ansehnlicher Betrag). Das ist ein Hinweis, daß bei
der Vorgängerkirche Tuffsteine verbaut wurden, und die sind
typisch für das 12. Jahrhundert, kaum noch für das 13.
Jahrhundert, denn die Lieferungen aus Andernach ließen schon um
die Mitte des 12. Jahrhunderts deutlich nach. Wenn wir uns nun
die umliegenden Kirchen einmal ansehen (Nesse um 1180,
Roggenstede um 1250, Resterhafe um 1250, Westeraccum um 1270,
Dornum um 1270), dann würde eine so alte Kirche in Westerbur gut
ins Bild passen.
Warum soll Osterbur älter sein als Westerbur? Meine Meinung ist
die, daß alle drei Orte (Osterbur, Westerbur und Middelsbur) ein
gleiches Alter haben. Sonst wäre ja eine Namensgebung nach
Himmelsrichtungen völlig unsinnig (Ostdorf-Westdorf weiterer
Anhaltspunkt), zumal ja alle auch auf Warfen liegen (Osterdornum?).
Ich gehe davon aus, daß Westerbur älter ist als 750 Jahre, denn
um 1250 war der Deichbau an unserer Küste so gut wie
abgeschlossen. Und Warfen sind vor dem Deichbau entstanden und
haben danach ihren Zweck verloren.
Wir haben auf unserer Fahrt mit dem Museumsverein am vorigen
Sonntag in Ezinge, einem Warfendorf nördlich von Groningen,
gesehen, daß dort bereits 600 vor Chr. gesiedelt wurde und daß
die Geländeerhöhung zu Warfen im Laufe der Jahrhunderte
erfolgte, aber natürlich vor dem Deichbau. Ich bin der Überzeugung,
daß auch in Westerbur und Middelsbur bei einer Grabung Nachweise
zutage kommen würden, die ein höheres Alter als 1250 bestätigen.
Harkenroht sucht in seinen Oostfriesche Oorsprongkelyheden von
1731 nach der Bedeutung des Namens Westerbur. Er meint, Boer
bedeute Bauer, daß also im Osten, in der Mitte und im Westen je
ein größerer (reicher) Bauer gewohnt habe, räumt aber auch
ein, daß Boer allgemein - und da liegt er wohl richtig -
Wohnsiedlung bedeutet.
Was gibt es sonst über Westerbur an Interessantem zu berichten?
Westerbur kann sich zugute halten, schon sehr früh eine Mühle
gehabt zu haben. (Älteste Nachricht 1630) Ein Müller namens
Galtet Johannsen ist erstmals 1672 erwähnt, die Mühle selber
erst 1684 genannt.
Interessant ist auch, daß Westerbur einen Hafen hatte,
Westerburersiel, später auch Punpsiel genannt. Er wurde erstmals
1619 erwähnt. Von hier fuhren schon damals Schiffe nach Norwegen
und Danzig. Balthasar Arend schreibt 1684: Es können "
Schmacken und ander kleine Fahrzeuge zur guten Bequemlichkeit
dieser ganzen Gemeine bequemlich anlegen". Es ist auch nicht
wenig aufschlußreich, daß Westerbur auf älteren Karten aufgeführt
wird, nämlich auf der von Christians Grooten (Pars Phrysiae
orientalis etoccidentalis), die in Brüssel 1564 erschien. (Dr.
Reimers von 1908-1910 Pastor in Westerbur)Interessant für einen
Ort sind auch außergewähnliche Schicksale von Menschen. Im
vorigen Jahrhundert war hier ein Kapitän Johann Mammen ansässig.
Er war Kapitän der Fregatte OREGON, später dann des Walfängers
ONWARD. Laut Bericht segelte er von Brake zum Pazifik, nach
Honolulu. Als die ONWARD am 18. Mai 1872 aus den Walfanggründen
nach Honolulu zurückkehrte, brachte sie die schreckliche
Nachricht von der Ermordung des Kapitäns mit.
Nach dem Schiffsjournal hatte sich folgendes abgespielt: Auf
Gowers Island nördlich von Australien wollte der Kapitän an
Land fahren, um Wasser, Kokusnüsse und Früchte zu holen. Sie
ruderten mit zwei Booten an Land. In einem befanden sich der
Kapitän, der vierte Offizier und die dazugehörige
Bootsbesatzung, in dem anderen der dritte Offizier und seine
Leute. Die Eingeborenen (Papuas) verlangten eiserne Reifen und
Tabak. Das zweite Boot fuhr also zurück. Die Eingeborenen
forderten nun den Kapitän auf, an Land zu kommen. Er ging mit
dem vierten Offizier zu den Hütten der Kanaken, wurde dann im
Gebüsch von ihnen überfallen. Die Besatzung des zweiten Bootes
fand ihn mit einem Speer im Rücken tot liegen.
Verfasser: Herr Ostud. Dir. i.
R. Karl-Heinz Wiechers Dornumersiel, Kapitänstr.9
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